Christopher M. Brendel

Interviews

Christopher M. Brendel
Gesprächspartner: Michael Stein
Sprache:
Vom: 25.04.2010
Adventure-Treff.de: „Hallo Christopher. Danke, dass Du Dir Zeit für dieses Interview genommen hast. Stell Dich doch bitte unseren Lesern vor.“



Christopher Brendel: „Hallo, mein Name ist Christopher Brendel und ich leite Unimatrix Productions, eine unabhängige Firma für Spieleentwicklung in Aurora, Illinois.“



Adventure-Treff.de: „Was machst Du, wenn du gerade keine Spiele machst?“



Christopher Brendel: „Im Moment mache ich meinen College-Abschluss. Nachdem ich schon mal auf dem College war, habe ich beschlossen auszusteigen und Unimatrix Productions zu gründen und Vollzeit Spiele zu entwickeln. Vor etwa einem Jahr habe ich dann entschieden, mich in der Spieleentwicklung weiterzubilden, also ging ich wieder zur Schule, um meinen Spieldesign-Abschluss zu machen.



Wenn ich nicht die Schulbank drücke, schreibe ich gerne. In bin in meinem Herzen schon immer Schriftsteller gewesen und mein Interesse am Erzählen von Geschichten hat mich da hingebracht, wo ich heute bin. Meine anderen Hobbys beinhalten das Komponieren von Musik, Kochen, Lesen und Basketball spielen. Außerdem bin ich ein großer Filmliebhaber.“



Adventure-Treff.de: „Was sind Deine Lieblings-Adventures, welche haben Dich am meisten beeinflusst?“



Christopher Brendel: „Oh, das ist eine schwere Frage. Ich habe über die Jahre so viele Spiele gespielt. Tatsächlich habe ich gerade erst im Rahmen einer College-Zulassung eine Liste aller Spiele machen müssen, die ich je gespielt habe, und musste alle auf einer Skala von 1 bis 5 Sternen bewerten. Im Moment sind es 577 Spiele ... und es kommen ständig welche dazu! Mein absolutes Lieblingsspiel aller Zeiten dürfte ein sehr unbekanntes Horror-Adventure namens 'Realms of the Haunting' sein. Es kam 1997 raus und wurde von Interplay veröffentlicht. Obwohl es kein reines Adventure ist – es hat einige First-Person-Shooter-Elemente – hat es genau das, was ich an Adventures liebe: eine tolle Story. Und das Spiel war für seine Zeit ganz schön furchteinflößend! Mein nächstes Spiel, Stonewall Penitentiary, verdankt Realms of the Haunting sein Interface. Realms of the Haunting war genau deswegen einzigartig, weil es, obwohl es ein Adventure war, das Interface und die Steuerung eines First-Person-Shooters hatte.



Außerdem hat mich die Gabriel-Knight-Reihe sehr stark inspiriert. Diese Spiele repräsentieren für mich die Spitze des Storytellings in diesem Genre. Nie zuvor habe ich mich den Charakteren so verbunden gefühlt. Gabriel, Grace und all die anderen haben sich wie echte, dreidimensionale Charaktere angefühlt. Ich kannte sie genau so gut wie die Charaktere in allen Romanen, die ich gelesen hatte. Ich habe bis heute die naive Hoffnung, dass noch ein vierter Teil gemacht wird.“

Adventure-Treff.de: „The Filmmaker ist Dein drittes fertiggestelltes Adventure nach Lifestream und Shady Brook. Was ist der Hauptunterschied zwischen The Filmmaker und Deinen vorherigen Projekten?“



Christopher Brendel: „The Filmmaker ist eine komplette Kehrtwende gegenüber meinen früheren Arbeiten. Lifestream und Shady Brook waren beide von ihrer Geschichte angetrieben. Ersteres erzählte die Geschichte eines komplexen, gebeutelten, einsamen Mannes und dessen wachsender Unzufriedenheit mit seinem Glauben. Letzteres handelte von einer geheimnisumwobenen Kleinstadt und ihren Bewohnern, die ein dunkles Geheimnis hüteten.



The Filmmaker ist im Gegensatz dazu rätselbasiert. Der Grund ist, dass ich zu den frühen Adventures zurück will, um mich selbst an die Wurzeln des Genres zu erinnern. Ich habe irgendwann das originale Myst gespielt und steckte – erwartungsgemäß – bei einem bestimmten Rätsel fest. Während ich über die Lösung nachdachte, kam mir die Erkenntnis, dass die meisten modernen Adventures solche Rätsel, wie das, an dem ich gerade festhing, gar nicht mehr haben. Ich habe dann geschaut, was ich noch an ähnlichen Spielen in meiner Sammlung hatte. Nachdem ich mit Myst fertig war, spielte ich The 7th Guest, Shivers und Shivers II. Diese Art von Spielen, wo das Rätseldesign der zentrale Punkt ist und man die Geschichte durch Erforschen der Umgebung und das Lesen entdeckt, anstatt durch filmartige Zwischensequenzen, werden kaum noch gemacht. Ich entschied, dass ich so eins machen will.



So war also The Filmmaker geboren. Es hat nicht die gleiche Tiefe an Story wie Lifestream oder Shady Brook; stattdessen enthält es eine Reihe komplexer Rätsel, kombiniert mit viel Erforschen und Entdecken und erinnert damit an diese alten Spiele.“



Adventure-Treff.de: „Wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Spiel innerhalb von Filmen spielen zu lassen?“



Christopher Brendel: „Das ist eine Idee, die ich schon als Kind hatte. Ich habe mich schon mein ganzes Leben für Spieldesign interessiert und mit zwölf Jahren hatte ich schon diverse Konzepte für Spiele. Das war eines davon. Als Kind war ich von Videospielen besessen, ich habe die ganze Zeit gespielt. Ich mochte auch Filme, aber es hat mich immer genervt, dass sie nicht interaktiv sind. Die Spiele dieser Zeit hatten natürlich nicht die außergewöhnliche Grafik, wie sie heute Standard ist, also wünschte ich mir, dass jemand einen Weg finden würde, einen Film mit all seinen visuellen Besonderheiten zu nehmen und ein Spiel daraus zu machen. Ich fing an mir vorzustellen, wie es wäre, in meine Lieblingsfilme einzusteigen und dort die Handlung zu verändern, um dann auch den Ausgang zu beeinflussen. Ich habe nicht lange gebraucht, um zu erkennen, dass aus diesem Konzept ein großartiges Spiel werden würde.“

Adventure-Treff.de: „Für welches Publikum ist the Filmmaker gemacht? Kann man es mit früheren Spielen anderer Entwickler vergleichen?“



Christopher Brendel: „The Filmmaker richtet sich an Adventure-Spieler, die die 1st-Person-Sicht und rätselbasierte Spiele bevorzugen. Fans von Spielen wie Myst, The 7th Guest und Shivers sollten wirklich Spaß daran haben. Wer viel Interaktion mit anderen Charakteren mag und Rätsel weniger mag, für den ist es eher nichts.“



Adventure-Treff.de: „Du hast die Entwicklung von Stonewall Penitentiary gestoppt, um The Filmmaker fertigzustellen. Erst hattest Du angekündigt, dass es eingestellt wurde und jetzt wo The Filmmaker fertig ist, willst Du es weiterentwickeln. Was ist der Grund? Hat der Entwicklungsprozess von The Filmmaker Dich inspiriert, mit Stonewall Penitentiary weiterzumachen oder hast Du einfach in der Vergangenheit schon so viel Arbeit reingesteckt, dass Du weitermachen möchtest?“



Christopher Brendel: „Stonewall Penitentiary wurde eigentlich nie eingestellt, ich hatte angekündigt, dass die Entwicklung angehalten wird, was sie auch immer noch ist. Die Geschichte von Stonewall Penitentiary ist wichtig für mich und ich glaube, sie wird auch gut aufgenommen. Außerdem glaube ich, dass die Spielelemente und das Interface von Stonewall Penitentiary revolutionär sind und das Potenzial haben, das Genre zu verändern. Deshalb habe ich keine Zweifel, dass ich das Spiel fertigstelle ... eventuell. Ich will einfach warten, bis ich die Ressourcen habe, es vernünftig im Sinne meines konzeptionellen Anspruchs fertigzustellen. Würde ich das jetzt überstürzen, könnte es sich in ein schlecht geplantes Produkt verwandeln, was nicht nur mich enttäuschen würde, sondern auch die ganzen Spieler. Obwohl es noch eine Weile dauern wird, bis ich daran wieder arbeite, denke ich, dass sich das Warten am Ende lohnt.“



Adventure-Treff.de: „Stonewall unterscheidet sich sehr von The Filmmaker. Während The Filmmaker ein rätsellastiges 1st-Person-Adventure ist, kommt Stonewall Penitentiary in einer vollständigen 3D-Umgebung daher und nutzt eine Steuerung ähnlich eines First-Person-Shooters. Glaubst Du, dass das den Spieler tiefer ins Spielgeschehen versetzt, oder wolltest Du einfach mal was anderes probieren?“



Christopher Brendel: „Das bringt mich wieder zurück zu meinem absoluten Lieblingsspiel, Realms of the Haunting. Realms of the Haunting hatte das Interface und die Steuerung eines First-Person-Shooters. Als ich das Spiel gespielt habe, dachte ich, dass ich bald ähnliche Spiele auf dem Markt finden würde. Das Konzept hat sich aber nie durchgesetzt. Ich denke, dass ein 1st-Person-Interface wie dieses den Spieler viel stärker in die Spielwelt hineinversetzt. Ich habe viele First-Person-Shooter gespielt, so wie Half-Life 2, und ich dachte immer, dass die Adventure-Industrie das Potenzial hat, diese Art von Interface auszunutzen. Meine Hoffnung ist, dass Stonewall Penitentiary dieses Potenzial nutzen kann.“



Adventure-Treff.de: „Was ist mit Deinen früheren Spielen? Von Lifestream sind nicht mehr viele Exemplare verfügbar und Shady Brook ist ausverkauft. Planst Du eine Neuveröffentlichung in Versionen, die auf neueren Windows-Versionen laufen? Vielleicht im Doppelpack?“



Christopher Brendel: „So was plane ich im Moment nicht. Lifestream und Shady Brook werden mir immer in liebevoller Erinnerung bleiben, weil es meine ersten Arbeiten waren. Aber im Moment konzentriere ich mich auf die Zukunft. Vielleicht denke ich eines Tages drüber nach, sie in einer grafisch überarbeiteten Version neu zu veröffentlichen, aber im Moment habe ich da keine konkreten Pläne.“



Adventure-Treff.de: „Du verkaufst Deine Spiele nur mit Verpackungen. Hast Du Pläne für den Vertrieb als Download? Wird es Übersetzungen geben?“



Christopher Brendel: „Ich ziehe die digitale Veröffentlichung im Moment tatsächlich in Betracht und ich habe schon mit einigen Leuten darüber gesprochen. Allerdings ist da noch nichts in Stein gemeißelt. Falls meine Spiele in den Download-Vertrieb gehen, wird das mindestens noch ein paar Monate dauern. Übersetzungen plane ich im Moment nicht.“



Adventure-Treff.de: „Hast Du Pläne für weitere Projekte, nachdem Stonewall fertig ist?“



Christopher Brendel: „Ich habe tatsächlich einige Projekte in Arbeit. Einige davon könnten sogar noch vor Stonewall Penitentiary fertig werden. Ich bin zwar noch nicht so weit, dass ich darüber reden möchte, aber ich sage mal, dass einige dieser Projekte eigentlich keine Spiele sind. Fans meiner anderen Arbeiten könnten aber trotzdem daran Gefallen finden.“



Adventure-Treff.de: „Nochmals vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für das Interview genommen hast.“



Christopher Brendel: „Mit Vergnügen! Danke, dass Ihr mir die Möglichkeit gegeben habt.“