Thomas Böcker

Interviews

Thomas Böcker
Gesprächspartner: Luc 'LGH' Gilbertz
Sprache:
Vom: 27.05.2004

Über

Thomas Böcker ist nicht nur als Berater und Produzent für den Soundtrack vieler Computerspiele verantwortlich, sondern organisiert auch das Eröffnungskonzert der Games Convention, bei dem erstmals ein Medley aus Monkey Island live von einer Orchester gespielt wird.



Adventure-Treff: "Hallo, könntest du dich unseren Lesern bitte kurz vorstellen? An welchen Projekten hast du mitgearbeitet und welches hat dir am meisten Spaß gemacht?"

Thomas Böcker: "Hallo, mein Name ist Thomas Böcker. Ich habe an Projekten wie "Knights of the Temple" (www.knightsofthetemple.com) als Music Consultant oder auch "Stalker - Shadow of Chernobyl" (www.stalker-game.com) als Music Producer gearbeitet. Beruflich dreht sich wie man sieht alles um das Thema Musik - und besonders Spielemusik.

"Merregnon" (www.merregnon.com) heißt die Produktion, wofür ich bisher am längsten tätig bin, genauer gesagt seit 1999. Daran hängt quasi mein Herzblut. Teil 2 unserer Soundtrack-Trilogie haben wir jetzt gerade abgeschlossen. Komponisten aus der Spieleindustrie wie Andy Brick (www.andybrick.com), Chris Hülsbeck (www.huelsbeck.com), Yuzo Koshiro (www.ancient.co.jp) oder Fabian Del Priore (www.delpriore.de) steuern hierfür ochestrale Titel für Musik-Alben bei."



Das Games-Convention-Konzert



A-T: "Wie bist du auf die Idee gekommen, die GC mit einem klassischen Soundtrack-Konzert zu eröffnen?"

T.B.: "Wie gesagt, natürlich bin ich selbst ein großer Fan von Spielemusik. Die Idee zu einem orchestralen Konzert mit Musik aus Computerspielen lag für mich somit auf der Hand. Durch meine Erfahrungen und Kontakte, die ich mit "Merregnon" gemacht habe, war schließlich auch das nötige organisatorische Wissen vorhanden, um mit einem solchen Konzept an das Management der GC - Games Convention (www.gc-germany.de) heranzutreten. Eine Spielemesse und ein Spielemusikkonzert verbinden sich hervorragend. Sie waren und sind sehr offen meinen Vorschlägen gegenüber. Ihnen gebührt auf jeden Fall die Anerkennung, den Mut gehabt zu haben, ein für Europa völlig neues Konzept mit umzusetzen und auszuprobieren. Die große Begeisterung, das Interesse und vor allem das wertvolle Feedback der Fans haben dann nicht zuletzt möglich gemacht, ein zweites Konzert, wieder als Eröffnungsveranstaltung der GC - Games Convention, für Leipzig planen zu können."

A-T: "Wer wählt die Titel aus, die ins Programm aufgenommen werden und nach welchen Kriterien wird diese Auswahl getroffen?"

T.B.: "Vornehmlich werden die Titel von mir ausgewählt. Anschließend bespreche ich etwaige Schwierigkeiten dieser Kompositionen mit dem Dirigenten, Herrn Andy Brick.

Ein Beispiel: Monkey Island. Hier muss das Stück erst für das Orchester umgesetzt werden, vor allem brauchen wir eine Reihe zusätzlicher Instrumente, die das karibische Flair ins Gewandhaus bringen. Durch eben diesen speziellen Anspruch, große Variation im Programm zu haben, wird das Orchester dieses Jahr auf rund 90 Spieler anwachsen.

Abgesehen von solchen außergewöhnlichen Stücken sind die Auswahlkriterien generell vielfältig. Wichtig ist natürlich zunächst, dass die Qualität stimmt. Einfach sind diese Entscheidungen niemals. Letztes Jahr gab es eindeutig einen Schwerpunkt in Sachen neuer, aktueller Titel, mit viel Action und Bombast. Dieses Jahr wollen wir das Ganze noch abwechslungsreicher gestalten, wie z. B. mit dem karibischen Flair von Monkey Island, oder einer Big-Band-Stimmung à la Super Mario Brothers. Zudem - wie man daran schon sieht - ehren wir auch verstärkt Klassiker der Spielemusik wie Turrican."

A-T: "Als Adventurefans freuen wir uns natürlich ganz besonders darauf, die Monkey-Island-Musik einmal von einem symphonischen Orchester zu hören! Wie kam es zu dieser super Entscheidung?"

T.B.: "Ich bin selbst ein großer Monkey-Island-Fan, das ist der Grund. Ich zähle diese Spielereihe bis heute zu meinen absoluten Favoriten. Ich habe Teil 1 und Teil 2 damals noch auf dem Amiga gespielt, ich verbinde eine Menge schöner Erlebnisse damit. Für mich stand immer fest: früher oder später sollte es ein Teil eines Konzertes werden, wenn die Möglichkeit dazu besteht."

A-T: "Werden wir 'nur' die Intro-Musik hören, oder handelt es sich eher um ein Medley, wo auch noch andere Themen (z.B. das LeChuck-Thema, das Largo-Thema, die Friedhof-Musik...) angespielt werden?"

T.B.: "Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten - nur das: es handelt sich um ein Medley. Ich denke, es ist wirklich großartig geworden, und ich kann es kaum erwarten, es auf dem Konzert live zu hören."

A-T: "Bei den Monkey-Island-Spielen wurde leider noch nie auf ein großes, symphonisches Orchester gesetzt. Wie groß war der Aufwand, die Musik orchestergerecht zu arrangieren? Und inwiefern waren die Monkey Island Komponisten Michael Land, Clint Bajakian und Peter McConnell in diesen Prozess mit eingebunden?"

T.B.: "Leicht war es nicht - aber auch nicht unmöglich. Wir haben ein eingespieltes Team, das schon 2003 viele Titel für das Konzert umgesetzt hat. Fabian Del Priore hat das Medley arrangiert. Er ist selbst ein großer Fan von Monkey Island. Bekannt ist er einigen Lesern sicherlich durch seine Arbeit an Extreme Assault oder auch Cultures 2. Zudem arbeiten wir mit Nic Raine als Orchestrator zusammen. Er hat lange Zeit mit John Barry kooperiert und war an James-Bond-Filmen tätig. Auch für die Spieleindustrie hat er schon gearbeitet, ein Beispiel ist Primal. Wir haben also Leute, denen selbst sehr viel an den Titeln liegt und sie dementsprechend mit Liebe zum Detail umsetzen."

A-T: "Werden neben Monkey Island noch andere Adventures im Konzertprogramm auftauchen?"

T.B.: "Monkey Island wird das einzige Adventure auf dem Konzert sein, wenn man die klassische Definition für dieses Genre benutzen möchte."

A-T: "Welchen Stellenwert hat dieses Konzert für die Spiele-Komponisten? Ist mit der Anwesenheit einiger Komponisten auf dem Konzert zu rechnen?"

T.B.: "Der Stellenwert ist immens. Schon 2003 hatten wir zahlreiche Komponisten auf dem Konzert, wie Allister Brimble, Olof Gustafsson, Christopher Lennertz, Richard Jacques oder auch Nobuo Uematsu. Dieses Jahr werden noch viele weitere Musiker nach Leipzig kommen. Leider darf ich an dieser Stelle noch nicht alle benennen, nur so viel: wieder werden sie aus aller Welt anreisen, egal ob USA, Japan oder Europa. Leipzig ist damit zu einem Treffpunkt für Spielemusiker geworden, wie es ihn sonst nirgendwo sonst gibt."

A-T: "Und wie stehen die Publisher zu solchen Manifestationen? Wie flexibel sind die z.B. in Sachen Urheberrecht-Handhabung?"

T.B.: "Ich denke, dies ist eine gute Stelle, um den Publishern noch einmal zu danken. Auch letztes Jahr konnte ich auf eine gute Zusammenarbeit bauen, wenngleich alles etwas schwieriger war, da es sich um ein Novum handelte. 2004 kennt man das Prozedere besser - und ich bin schlicht begeistert, wie die Firmen mich unterstützen. Es ist, wie ich es gedacht hatte: zunächst mussten Ansprechpartner benannt und besprochen werden, wie überhaupt vorgegangen werden sollte. Dieser interne Prozess ist nun abgeschlossen, wir alle haben Erfahrungen durch das 1. Konzert gesammelt, die sich nun auszahlen. Genau das macht es auch erst möglich, Klassiker à la Monkey Island ins Programm aufzunehmen, da ein höherer organisatorischer Aufwand nötig ist: Mit einem eingespielten Team und einem kooperativen Publisher ist das jedoch kein Problem."

A-T: "Wie kam die Zusammenarbeit mit Chris Hülsbeck zu Stande, der ja gerade unter vielen 'reiferen' Spielern Kultstatus genießt?"

T.B.: "Das erste Mal habe ich mit Chris Hülsbeck 1999 gearbeitet, als er die Musik zu meinem Kurzfilm "Licht am Ende des Tunnels" schrieb. Daraufhin startete das Merregnon-Projekt, wofür er für den 2. Teil ebenso neue Stücke geschrieben hat. Ich denke es erübrigt sich zu sagen, dass Chris Hülsbeck für mich schlicht einer der bedeutendsten Spielekomponisten überhaupt ist. Und Turrican ist ein Soundtrack, der mich maßgeblich beeinflusst hat und mein Interesse für Spielemusik weckte. Letztes Jahr haben wir Apidya aufgeführt, dieses Jahr Turrican - und ich denke, dass dieses Medley ein weiteres Highlight des Abends wird."

A-T: "Richtet sich das Konzert neben den Gamern auch an die 'reinen' Musiker? Könntest du dir vorstellen, dass auch Liebhaber klassischer Musik, die noch nie ein Computerspiel in der Hand hatten, zu diesem Konzert kommen?"

T.B.: "Absolut. Natürlich sollte man immer vorsichtig sein: wir spielen orchestrale Musik, keine klassische Musik. Es gab ein Interview mit Besuchern des 1. Konzertes, ausgestrahlt im Bayrischen Rundfunk, das diese Frage sehr gut beantwortet: Hörer klassischer Musik meinten, sich fortan mehr mit Spielemusik beschäftigen zu wollen, da sie durch das Konzert auf den Geschmack gekommen seien. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich nun herumgesprochen hat, von welch hoher Qualität diese Kompositionen sind - d. h. auch Leute Interesse zeigen, die sonst weniger mit interaktiven Medien zu tun haben. Es ist schön zu sehen, wie sich unterschiedliche Altersgruppen und Menschen mit unterschiedlichen Präferenzen in Sachen Musikgeschmack im Gewandhaus treffen, um Titel aus Spieleproduktionen zu hören."

A-T: "Wie reagierten letztes Jahr eigentlich die Musiker und der Dirigent auf dieses "Spiele-Konzert". War es schwer, sie für diese Aktion zu begeistern?"

T.B.: "Andy Brick, der Dirigent, war begeistert. Das ist sicher kein Wunder, denn er ist selbst Spielekomponist. Von ihm stammt beispielsweise die Musik zu Sim City 4 oder Die Sims 2. Er kommt eigentlich aus der Filmmusik, er hat Kompositionen für Disney geschrieben. Ihn fasziniert das interaktive Medium sehr, weswegen er nun auch hierfür arbeitet.

Das Orchester war ebenso offen für diese Musik. 2003 hatten wir das Czech National Symphony Orchestra in Leipzig, das schon einige Erfahrungen mit Einspielungen für Spielemusik gemacht hatte. 2004 wird das FILMharmonic Orchestra (www.musa.cz) im Gewandhaus sein, das eine beeindruckende Referenzliste hat: so haben die Mitglieder schon für Splinter Cell, EverQuest 2 oder auch Stalker - Shadow of Chernobyl musiziert. "

A-T: "Wird es auch für Normalsterbliche möglich sein an Karten zu kommen, oder ist das Konzert nur für Angehörige von Spiele-Branche und Presse?"

T.B.: "Der Leipziger Messe, der Veranstalter der Eröffnungskonzerte, und mir ist es sehr wichtig, dass jeder die Möglichkeit bekommt, an der Veranstaltung teilzunehmen. Deswegen sind die Karten auch für jederman erschwinglich: nur 6,10 EUR kostet der Eintritt. Die Tickets kann man unter http://www.leipziger-messe.de/gc/progr_eroeffnung.shtml bestellen (Zur Zeit gibt es Probleme mit der Onlinebestellung - bis dahin gibt es Karten bei Ina Stolle, Telefon 0341-1270309, Fax 0341-1270222, ticket*AT*gewandhaus.de). Man sollte sich allerdings beeilen, das Konzert wird sicherlich wieder schnell ausverkauft sein."

A-T: "Wird das Konzert aufgezeichnet? Ist mit einer käuflichen Audio-CD oder mit Tonausschnitten im Internet zu rechnen? Es wäre doch schade, wenn das Ganze nur ein einziges Mal zu hören wäre..."

T.B.: "Gegenwärtig kann ich dazu leider keine Auskunft geben, möchte nur jedem, der sich für diese Musik interessiert empfehlen, dem Konzert unbedingt persönlich beizuwohnen. Schon, weil die Live-Erfahrung immer viel intensiver und besser ist, als sie je durch eine CD sein könnte."

A-T: "Ist für 2005 wieder ein solches Konzert geplant?"

T.B.: "Bisher gibt es keine Pläne für ein Konzert nächstes Jahr, solche Entscheidungen werden zu einem späteren Zeitpunkt getroffen, da sie von vielen Faktoren abhängig sind."



Die Spielmusik-Szene



A-T: "Wie ist eigentlich das Klima zwischen den unterschiedlichen Komponisten? Steht eher der Konkurrenzdruck oder die gemeinsame Passion im Vordergrund?"

T.B.: "Ich denke, das variiert - wie auf jedem anderen Berufssektor auch. Manche Komponisten mögen sich mehr - andere weniger, was nur natürlich ist. Ein Beispiel: für Merregnon arbeiten neun bekannte Komponisten der Spielebranche zusammen - und es funktioniert hervorragend..."

A-T: "Bands, Orchester, Chöre... In der Spieleindustrie wird in letzter Zeit oft in echte Musiker investiert. Wird der Trend sich weiter in diese Richtung entwickeln? Oder besteht nicht auch die Gefahr, dass durch die steigende Qualität der Samples in Zukunft wieder häufiger auf solche Aktionen verzichtet wird?"

T.B.: "Egal, wie gut die Qualität der Samples auch werden wird, niemals können sie 100% so klingen wie echte Instrumente. Der Grund ist einfach: jeder Musiker im Orchester ist ein Mensch; ein Mensch, der die Kompositionen für sich interpretiert. Dieser Faktor macht das Lebendige und Einmalige in dieser Musik aus. Wobei ich an dieser Stelle betonen möchte, dass es immer vom Spiel abhängt, welcher Musikstil eingesetzt werden sollte - und ein echtes Orchester macht Musik nicht automatisch gut. Es kommt immer auf den Künstler an - und wie er die zur Verfügung stehenden Mittel ausnutzen kann. Viele Produktionen neigen zum Gigantismus. Es muss faktisch nicht immer ein ganzes Orchester sein - ein Quartett z.B. kann ebenso hervorragend klingen, wenn der richtige Komponist tätig war.

Ich denke der nächste Schritt in der Spieleindustrie wird und muss sein, das eigene Medium besser auszunutzen. Momentan orientiert man sich sehr an Hollywood, d.h. an Filmmusik. Das ist gut - es ist ein sinnvoller Schritt. Als nächstes sollte man jedoch die Interaktivität deutlicher austesten. D.h. Musik schreiben, die sich dem Verlauf des Spieles perfekt anpasst. Natürlich gibt es bereits erste Titel dieser Machart - Musik- und Sounddesign kann jedoch noch viel besser in das Spiel integriert werden. Das ist eine Aufgabe, die sicherlich die nächsten Jahre verfolgt wird - und auf die ich schon sehr gespannt bin."

A-T: "Und zum Schluss: Hast du noch irgendeine lebenswichtige Botschaft an unsere Leser?"

T.B.: "Ich würde die Chance gern nutzen, um mich bei allen Leuten zu bedanken, die uns bei Merregnon oder den Konzerten unterstützen. Das ist großartig - und ohne diese Mithilfe wären diese Projekte unmöglich."

A-T: "Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten. Wir wünschen viel Erfolg mit dem GC-Konzert, Merregnon und deinen anderen Projekten!"

T.B.: "Ich habe zu danken! Macht weiter so mit eurer Website!"