Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

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Werner1612
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Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

Beitragvon Werner1612 » 11.02.2018, 19:19

Hallo in die Runde, das Thema Vinyl-Schallplatte ist ja wieder am Kommen, nach dem Motto: Totgesagte leben länger. Ich war zwar immer von der Platte fasziniert, konnte mir aber in meinen jungen Jahren keinen hochwertigen Plattenspieler leisten, geschweige denn ganze Plattenschränke. 20 bis 30 LPs und etwa genau soviel Singles, abgespielt auf einem Philips "Mr. Hit 71" , der den Lautsprecher im Plexiglaßdeckel hatte. Der Teller war nur voll für 45er gemacht, die LP hing über. Von Antiskating war nur zu träumen. Aber da ich das Gerät zu Weihnachten 1971 geschenkt bekam, war ich überglücklich. Natürlich hat die Kiste die Platten "zerschliffen". Eigentlich schade ums Vinyl, denn Platten waren schon in den 70ern irre teuer. Heute werden ja sogar wieder Neupressungen auch nebenbei auf Vinyl angeboten. Nun sind die ganzen Aufnahmen heute in der Produktion digital. Hier stellt sich für mich dann die Frage, ob aus neuerer Sicht die LP bei einer heutigen Produktion immer noch besser klingen kann, als wenn das digitale Material auf eine CD gepresst werden würde, oder natürlich auch wird. Angeblich sei die Räumlichkeit besser oder schöner im analogen. Ich durfte bei Freunden vor vielen, vielen Jahren auch klanglich in die Welt von Thorenz, Revox A77, Burmester, DAT und anderen Anbietern und Komponenten reinhören. Mit guten Kopfhörern ein Ereignis. Und ich bin heute noch fasziniert, wie man aus einer kleinen Rille in Plastik solch einen traumhaften Klang und Räumlichkeit holen konnte. Einzig die Abnutzung war immer mein Schreckgespenst. Und dann kam die CD. Später MP3, nun Streaming. Aber eine schöne analoge Anlage ist in meinen Augen auch heute noch eine Augenweide, klanglich sehr gut, und für mich zeitlos. LG Werner1612
1992: mein erster PC: 386dx40, DOS 5.0 und Win 3.1, gigantische 4MB Ram, 1MB GraKa, 3,5 und 5 1/4" Floppy, unendliche 105MB HD, und ein großer 14" Monitor plus Tastatur - für schlappe :wink: 2.500 DM.

OS seit 1992: DOS 5.0, DOS 6.0, DOS 6.1, Win 3.1, Win 3.11, Win95, Win98, Win XP, Win 7 (Final)

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Re: Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

Beitragvon Uncoolman » 11.02.2018, 19:50

Ah, Werner stellt wieder eine philosophische Grundsatzfrage ... ;)
Ich glaube, dass ein Großteil dieser LP-Euphorie psychologisch begründet ist. Ich habe einen Mittelklassespieler von Dual (der nun kaputt ist) und es gibt nur ein einziges Mal, dass der Klang eventuell besser als CD sein könnte: das ERSTE Mal mit einer ungespielten Platte. Schon beim zweiten Mal geht das Knistern und Knacken los. Ob das Klangerlebnis dann so wesentlich besser ist, wenn jederzeit ein Kawumm den Genuss stören kann, mag ich bezweifeln. Reinigen, Nassabspielen, Granitteller, indirekter Antrieb, Kabel mit 1cm Querschnitt mag dann zwar was verbessern, letztendlich ist der HÖRRAUM das entscheidende Kriterium.
Man darf auch nicht vergessen, dass das Signal immer entzerrt werden muss. Per se ist das kein 1:1-Originalhören mehr. Abhängig von MM oder MC, vom verwendeten System und wie es entkoppelt ist, ist LP-Hören eher was für Dauertüftler. Insgesamt ist die Verstärker-Kette mit Boxen genauso maßgeblich. Kann sein, dass der Klang wärmer erscheint, dafür könnte ich aber jede Bodenerschütterung ebenfalls hören.
Der einzige Vorteil ist für mich, dass ich an uralte Aufnahmen gelangen kann, die es nie auf CD geschafft haben. Unterm Strich rechtfertigt der Aufwand (der letztendlich in die Zigtausende geht) nicht den vermeintlich besseren Klang.
Der wirkliche Vorteil stellt sich erst bei Oberklasse-Geräten ein (und die Beispielanlagen der Freunde sind alles hochpreisige Beispiele ...).

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Re: Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

Beitragvon Werner1612 » 11.02.2018, 22:49

Uncoolman hat geschrieben:
11.02.2018, 19:50
Ah, Werner stellt wieder eine philosophische Grundsatzfrage ... ;)
Ich glaube, dass ein Großteil dieser LP-Euphorie psychologisch begründet ist. Ich habe einen Mittelklassespieler von Dual (der nun kaputt ist) und es gibt nur ein einziges Mal, dass der Klang eventuell besser als CD sein könnte: das ERSTE Mal mit einer ungespielten Platte. Schon beim zweiten Mal geht das Knistern und Knacken los. Ob das Klangerlebnis dann so wesentlich besser ist, wenn jederzeit ein Kawumm den Genuss stören kann, mag ich bezweifeln. Reinigen, Nassabspielen, Granitteller, indirekter Antrieb, Kabel mit 1cm Querschnitt mag dann zwar was verbessern, letztendlich ist der HÖRRAUM das entscheidende Kriterium.
Man darf auch nicht vergessen, dass das Signal immer entzerrt werden muss. Per se ist das kein 1:1-Originalhören mehr. Abhängig von MM oder MC, vom verwendeten System und wie es entkoppelt ist, ist LP-Hören eher was für Dauertüftler. Insgesamt ist die Verstärker-Kette mit Boxen genauso maßgeblich. Kann sein, dass der Klang wärmer erscheint, dafür könnte ich aber jede Bodenerschütterung ebenfalls hören.
Der einzige Vorteil ist für mich, dass ich an uralte Aufnahmen gelangen kann, die es nie auf CD geschafft haben. Unterm Strich rechtfertigt der Aufwand (der letztendlich in die Zigtausende geht) nicht den vermeintlich besseren Klang.
Der wirkliche Vorteil stellt sich erst bei Oberklasse-Geräten ein (und die Beispielanlagen der Freunde sind alles hochpreisige Beispiele ...).
Naja, ich hätte Euch ja auch fragen können, was Ihr gestern gegessen oder getrunken habt, oder wann Ihr ins Bett seid. :? Da finde ich die von mir gestellte Frage doch interessanter. Mit dem Überschießen zum finanziellen Aufwand gebe ich Dir Recht. Manche übertreiben es sicher maßlos, kaufen sich zwei Meter Audiokabel für ettliche hundert Euro, nur weil die Messwerte damit besser sind. Wahrscheinlich haben diese Leute schon gar nicht mehr das jugendliche Gehör, um all die Bandbreite erfassen zu können. Ich selber höre auch nicht mehr so wie vor 10 Jahren, links auch schon einen Tinitus, aber ich würde mir nie eine Anlage kaufen, bei der man sich nun fragt, ob man sich nun einen Edelurlaub, ein Mittelklasseauto oder irgendwas anderes dafür kaufen sollte. Die von mir genannten Beispiele gehen sicher in die Richtung Hochpreisig, sind aber noch lange nichts im Verhältnis was manche Leute heute für eine einzige Komponente ausgeben. Wenn ich mir sowas wie einen Transrotor ansehe, dann ist das irgendwie nicht mehr nachvollziehbar. Oder vielleicht halt nur für uns, weil angeblich die, die es kaufen, wissen was sie daran haben. Aber ich denke auch in etwa wie Du: ab einem gewissen Punkt ist das nur noch Hirnsache. Wahrnehmbar nicht mehr. Ich hatte mal einen interessanten Bericht über Heimkinos gelesen, da brach beim Vergleich der verschiedenen Beamer unter den Leuten fast ein Glaubenskrieg aus, da Modell X bessere Werte hatte als Modell Y. Die Unterschiede waren minimal, es ging hier auch irgendwie um den Schwarzwert. Optisch, meinte der Reporter, habe er keinen Unterschied feststellen können, das Datenblatt sagte halt nur bei dem einen Modell einen besseren Wert aus. Also Erbenszählerei. Und genauso kann man es natürlich auch bei HiFi machen. Einen Plattenspieler für 70 Euro würde ich mir nie holen, genauso wenig wie einen für 5000,- oder mehr. Bis max. 500,- für einen Plattenspieler mit Arm und System finde ich ok. LG Werner1612
1992: mein erster PC: 386dx40, DOS 5.0 und Win 3.1, gigantische 4MB Ram, 1MB GraKa, 3,5 und 5 1/4" Floppy, unendliche 105MB HD, und ein großer 14" Monitor plus Tastatur - für schlappe :wink: 2.500 DM.

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Re: Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

Beitragvon Bratwurstschnecke » 11.02.2018, 23:23

Werner1612 hat geschrieben:
11.02.2018, 22:49
Naja, ich hätte Euch ja auch fragen können, was Ihr gestern gegessen oder getrunken habt, oder wann Ihr ins Bett seid. :? Da finde ich die von mir gestellte Frage doch interessanter.
:shock: Heißt das, du tust unsere beiden Was-habt-ihr-zuletzt-gegessen/getrunken-Threads als zu vernachlässigende Banalitäten ab? Das sind 2 hochkomplexe Themen mit großer informativer und sozialer Relevanz. :mrgreen:
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Re: Wie steht ihr zu (Vinyl) Schallplatten?

Beitragvon Uncoolman » 11.02.2018, 23:34

Der Psycho-Effekt, dass man von höherpreisigen und allseits gelobten Geräten mehr erwartet und dann tatsächlich damit auch "besser" hört, ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn massives Kupfer, eine Mahagoni-Front oder blitzende Edelstahl-Knöpfe das Gerät aufwerten, so muss sich das keineswegs auf den Klang auswirken. Ob darin ein doppelt abgeschirmter Ringtrafo mit analogen, handverlesenen Bauteilen werkelt, hört man zuerst einmal nicht.

Ich habe mir seit fast zwanzig Jahren die elitäre Debatte über Super-Anlagen in HiFi-Zeitschriften und Akustik-Studios angehört. Ich habe testgelauscht, verglichen, diskutiert. Dabei fielen mir Dinge auf, die geradezu grotesk waren. In einer Zeitschrift hat jemand die Ränder von CDs mit schwarzer Farbe angemalt, um "Reflexionen, die den Laser irritieren könnten, zu vermeiden". OK, das mag stimmen, aber dass dieser jemand danach die "Offenbarung an Musikgenuss" gehört haben will, geht mir dann doch zu weit.

Ich glaube, dass Direktpressungen auf Vinyl durchaus besser klingen können als remasterte, zudem von Digitalquellen "zurückgesampelte" Einspielungen. Da aber angesehene Musikstudios und ebenso angesehene HiFi-Kritiker eine bestimmte Art von Musik hören, mag auch deren Geschmack dazu führen, dass Geräte nach dieser Vorliebe eingekauft und produziert werden. Die Vorführ-LPs und CDs sind im allgemeinen auch mit besonders anspruchsvoller Aufnahmetechnik fabriziert worden, bei CDs z.B. doppelte Abtastrate und bei LPs entweder Direktpressungen oder exklusive Abmischungen, speziell für die Platte. Da gibt es dann Akustik-Jazz oder Liedermacher vom feinsten, die man selbst noch nie gehört hat. Im Grunde ist das geschummelt, denn die eigene Musik ist sicher nicht so perfekt. Eigene Platten oder CDs mitbringen ist deshalb ein Muss.
Außerdem hören die meisten Audiophilen im Verhältnis sehr laut (was durchaus sinnvoll ist, weil das menschliche Ohr bei leiser Musik praktisch jeden Fehler überhört,bass zu schwach empfindet und Details nicht wahrnehmen kann) und das geht in nachbarschaftlicher Umgebung eben nicht immer.

Weicht man auf Kopfhörer aus, verschlimmert sich das Problem nur noch, denn einen RICHTIG GUTEN Kopfhörer bekommt man erst ab 500 Euro aufwärts. Bei eigentlich jedem Kopfhörer geht die Räumlichkeit flöten, auch beim AKG 1000, der mit einer individuellen Hörkurve entzerrt werden konnte, gelang das nur fast. Er hat zumindest die Membranen etwas vom Kopf abstehend, weshalb er immerhin ein bisschen das Gefühl eines Raumes vermittelt. Elektrostaten haben das manchmal auch. So ein Kopfhörer schlägt aber mal eben locker mit 2000-4000 Euro zu Buche... Nicht zu vergessen, dass Bass und Phasendifferenz immer schon Probleme bereitet haben. Keine einzige Membran schafft alle Frequenzen von 20-2000 gleich gut... Da die Aufnahmen im allgemeinen nicht im Kunstkopfverfahren produziert werden, hört man ohnehin Musik, die gar nicht für Kopfhörer optimiert ist...

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass LPs tatsächlich anders klingen als CDs. Von mp3 rede ich besser nicht, denn dort werden einfach zuviele Informationen weggelassen, das ist für mich keine Alternative. Anders heißt aber nicht unbedingt besser. Grundsätzlich klingen LPs weicher, aber auch verschwommener, was einfach physikalische Ursachen hat. Der Tonabnehmer muss ja in Schwingungen gebracht werden. So wie er hohe und tiefe Töne quasi gleichzeitig abtasten muss, ergibt sich ein tonaler Mittelwert. Das ist bei der CD zwar auch, aber da die Daten digital vorliegen, lassen sich hohe und tiefe Töne separat nachbearbeiten.

Der ganzheitliche Eindruck einer LP klingt dadurch vielleicht eher so wie im Konzertsaal, wo man Einzelinstrumente aufgrund der Überlagerungen und Reflexionen nicht so gut heraushört, was eben bei den Zuhörern den Eindruck vermittelt, dass die LP "besser" klingt. Das "Eingebettetsein in die Musik" tritt bei LPs also eher auf und ist demnach ein Zeitgefühl, so wie zur Einführung der CD der "kristallene, analytische" Klang gelobt wurde.

Der noch viel größere Einfluss auf das Hören hat der Mensch selbst. Ich habe beim Vergleichshören von zig CD-Spielern auch dort Unterschiede herausgehört - und das ist ja nicht verwunderlich. Jede Schaltung verarbeitet elektronische Schwingungen anders.
Das Gerät muss sowieso zur eigenen Hörgewohnheit passen, und die ändert sich innerhalb eines Tages, je nachdem, wie man sich fühlt, wo man hört, was man hört und ob man satt oder durstig ist... Selbst wenn man dieselbe CD kurz hintereinander auf vier Geräten im selben Raum und mit demselben Verstärker / Boxen hört, ändert sich die Wahrnehmung. Denn beim vierten Mal hört man die Musik zum vierten Mal ... Ich glaube, ein objektiver Musikvergleich ist schlichtweg unmöglich.

Beim Plattenspieler kommt noch der Bedienungseffekt hinzu. Das Auflegen, Säubern und Absetzen fordert geradezu Meditation heraus. Man steht der LP generell anders gegenüber als der CD. Aber auch auf eine CD sollte man besser nicht draufpatschen, das nur nebenbei ...

Und die ca. 80% Einfluss, die der Hörraum hat, hatte ich ja schon erwähnt.


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